Ein Jahr Kambodscha

Unser Vereinsmitglied Sandra Ziegengeist aus Gera erinnert sich an ihre Zeit als Entwicklungshelferin.


Es ist der 14. Februar 2006. 14 Stunden Flug liegen hinter Sandra Ziegengeist. Müdigkeit weicht Aufgeregtheit. Für ein Jahr wird die zwei Millionenstadt das Zuhause der gebürtigen Geraerin sein. Sie nutzt das Nachwuchsförderungsprogramm des Deutschen Entwicklungsdienstes, um in Südostasien zu arbeiten.

Viel sehen kann die junge Frau von Kambodschas Hauptstadt noch nicht. Über Phnom Penh hat sich der Schleier der Nacht gelegt. Aber die Gerüche von Diesel, Benzin und die stickige Luft nehmen ihr fast den Atem. Es ist schwül. Zig Autos und Motorräder wühlen sich hupend durch die Straßen. "Das Chaos hat mich geschockt und während meines Aufenthaltes begleitet", erinnert sich Sandra Ziegengeist.

Nach dem Studium in Leipzig will die diplomierte Medientechnikerin gleich ins Ausland, Entwicklungshilfe leisten und etwas von der Welt sehen. Im Internet entdeckt sie die Seiten des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und sein Nachwuchsförderungsprogramm für Berufsanfänger. Sie sucht nach Einsatzorten in Südostasien. Ein Rucksackurlaub in Vietnam und ein sechsmonatiges Praktikum in Thailand während des Studiums haben sie mit dem Südostasien-Virus infiziert. Für ihre Diplom-Arbeit recherchierte Sandra 2004 in der Provinz Nong Khai, unterrichtete zwei Computerklassen in Englisch. "Technik und sozialer Wandel in Entwicklungsländern haben mich schon immer interessiert, Kultur und Menschen sowieso", begründet sie, warum sie sich für die DED-Stelle "Wissensmanagement und Öffentlichkeitsarbeit im Landesbüro Phnom Penh" Kambodscha beworben hat. Die Geraerin wird nach Bonn zum Test eingeladen. Im Oktober 2005 muss sich die junge Frau drei Tage lang in persönlichen Gesprächen und beim Rollenspiel in der Gruppe beweisen. Sandra Ziegengeist ist gut vorbereitet. Ihr Wissen über die Organisation und das Land verblüfft. Sie wird angenommen. Kurz vor der Abreise im Februar 2006 nimmt sie in Bad Honnef an einem dreiwöchigen Vorbereitungskurs teil. Der künftige Einsatz wird mit rund 750 Euro entlohnt. Die Kosten für Kranken- und Unfallversicherung übernimmt der DED. Elan, Wille, Mut, ein Weltempfänger, Bücher, Fotos, Musikkassetten gegen Einsamkeit und ein kleiner Schutzengel von der Freundin sind in Sandras persönlichem Gepäck für Kambodscha.

Seit 2000 sendet der DED seine Helfer in das Königreich. Sie unterstützen die Bauern in der Landwirtschaft, bilden im Gesundheitswesen Personal aus und geben Rat beim Verwaltungsaufbau. Weltweit sind für die 1963 gegründete Organisation mehr als 1000 Mitarbeiter in 44 Ländern unterwegs.


Sandra Ziegengeist übt sich fleißig in der Khmer-Sprache und findet schnell Kontakt. Einige Mitarbeiter kennt sie schon per Mail, andere lernt sie während ihrer Arbeit kennen, Einheimische auf dem Weg zum Büro. Der halbstündige Fußmarsch ist gefährlich. Das Durcheinander auf der Straße kostet Nerven. Die "Weiße" kauft sich einen Helm und wagt sich auf das Motorradtaxi an der Ecke zur 57. Straße. Es gehört Chan Thorn. "Sie ist die einzige weibliche Fahrerin in Kambodscha", behauptet Sandra Ziegengeist. Beide freunden sich an. Chan Thorn zeigt der Deutschen das wahre Leben, abseits der Touristenpfade, der meterhohen umzäunten Wohnanlagen der Betuchten: Herzlichkeit und Lachen trotz Armut. Mit ihren zwei Kindern, der Schwester und der Mutter lebt die 36-Jährige in einer winzigen Stelzenhütte am Stadtrand von Phnom Penh. Mit dem Taxi verdient Chan Thorn den Lebensunterhalt der Familie, täglich zwölf Stunden.

Sandra Ziegengeist fasst einen Entschluss. Noch heute bezahlt sie das Schulgeld für den zehnjährigen Sohn von Chan Thorn. Persönliche Entwicklunghilfe der Ausländerin erfährt auch ein Mädchen vom Land. Es lebt als Putzfrau einer Hausbesitzerin unter einer Treppe. Die 17-Jährige bekommt Nahrung und das Angebot einer kostenlosen Berufsausbildung durch die kambodschanische Organisation "friends". Das Mädchen will nicht. Irgendwann ist es verschwunden, verdient nun Geld in einer Fabrik. Seine Familie braucht jeden Riel. "Immer noch sind die Menschen durch das Pol Pot-Regime traumatisiert, auf sich allein gestellt, das Land extrem korrupt. Da zählt nur Überleben." Sandra Ziegengeist spürt aber auch den Aufbruch, den Willen der Jugend, zur Schule zu gehen. Lernen, um gute Arbeit zu finden. Eindrücke, die sie auf Reisen durchs Land sammelt. Sie gehören zum Nachwuchsförderungsprogramm des DED. Während eines internationalen Camps in Kampot diskutieren Jugendliche über politische Belange. Häusliche Gewalt, Drogen, Aids und Arbeitslosigkeit machen der jüngeren Generation zu schaffen. In Kambodscha sind rund 70 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre. Ein Aktionsplan für die Regierung entsteht.


In Battambang sieht Sandra Ziegengeist, wie Reismühlen die Arbeit der Dorfbewohner erleichtern. Anderswo entstehen Agrargenossenschaften. Entwicklungshelfer erklären die Notwendigkeit der Kooperation, den Umgang mit Geld, fördern wirtschaftliches Denken. Das Gesehene und Gehörte saugt Sandra auf. Es findet Platz in Broschüren, die sie in Deutsch, Englisch und Khmer erstellt. Sie sollen einheimische und internationale Organisationen auf den DED aufmerksam machen und auch zu gemeinsamen Projekten anregen. Mit viel Fleiß und Sorgfalt produziert und pflegt Sandra die neue Webseite für den DED in Kambodscha. Künftigen Print-Journalisten der Uni in Phnom Penh erläutert sie, welche medialen Möglichkeiten der Beruf offenbart, wie man sich bei internationalen Organisationen bewirbt.

Oft ist die junge Frau von frühmorgens bis spätabends unterwegs: mit einer Portion Idealismus. "Den brauchen die Entwicklungshelfer", meint sie, "weil Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind." Sandra Ziegengeist fühlt sich wohl in dem Land, in dem es viel zu entdecken gibt: die Küche zum Beispiel. Den Ameisensalat kostet sie. Bei den frittierten Spinnen bleibt der Mund zu. Jede Menge Spaß bringt der "Rasende Goldfisch". Zum traditionellen Wasserfest, einem der wichtigsten nationalen Feste des Landes, ist jede Menge los: Feuerwerk und Regatta. Über 400 Boote gehen auf dem Tonle Sap an den Start. Das Exotischste ist schwarz-rot-gold gestrichen mit Mitarbeitern deutscher Entwicklungshilfsorganisationen und Sandra Ziegengeist an Bord. "Gewonnen hat unser Rasender Goldfisch nicht. Wir waren froh, überhaupt ins Ziel gekommen zu sein."

Das Ziel, den DED in der Öffentlichkeit besser zu präsentieren, hat die 30-Jährige erreicht. Oft denkt sie an den Aufenthalt zurück, wenn sie von Chan Thorn eine Nachricht erhält.

Seit März 2007 ist die Medientechnikerin wieder in Deutschland. Die Gelassenheit der Kambodschaner hat sie mitgebracht. "Od ban ne ha - kein Problem sagen die Menschen, ob beim Anrempeln oder bei Konflikten", erzählt Sandra Ziegengeist. "Ich reagiere jetzt in brenzligen Situationen besonnener. Und: Ich weiß die soziale Sicherheit in unserem Staat mehr zu schätzen." Nach der Rückkehr findet die Berufsanfängerin nicht sofort Arbeit, bekommt Arbeitslosengeld. Im Juni erhält sie endlich eine Zusage bei einer Agentur für Medienpädagogik in Leipzig.

Quelle: Ostthüringer Zeitung vom 11. August 2007
 
 

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